Virtual Realities

 

Noch nie zuvor schien es so leicht, seine Umwelt den eigenen Vorstellungen und Sehnsüchten anzupassen: Mittels der neuen Medien gelingt es, unzählige "Freundschaften" zu Fremden oder flüchtig Bekannten einzugehen, andere minutiös am eigenen Alltag - den persönlichen Erfolgen, kleinen Freuden, Sorgen und Ängsten - teilhaben zu lassen. Zudem wird es möglich, auch andere in ihren "Glashäusern" zu beobachten, die sie sich mittels Facebook, Chatrooms, YouTube u.a. schaffen. Wo freundschaftliche, innige oder Liebesbeziehungen schwierig werden, haben wir die Wahl, uns neue, virtuelle Kontakte zu schaffen, sie zu pflegen, zu gestalten, aber auch zu schönen und zu idealisieren. Auch die Art und Weise, in der wir uns selbst darstellen, mag einem idealen Selbstbild oder gar einer Seite unserer Persönlichkeit entsprechen, die wir für gewöhnlich nicht zeigen können oder dürfen. 

 

 

                                                                     DL von Youtube, mit Genehmigung der Dresden Dolls

 

Unser virtueller Empfangsraum kann so zum Zufluchtsort werden, zu dem Misserfolge und Kränkungen keine Zutrittsberechtigung erhalten. Hier können wir gut kontrollieren, wie wir von anderen wahrgenommen werden und uns demgemäß geschätzt und geborgen fühlen. Solange der "sichere Ort" kontrollierbar bleibt und die zeitweiligen Rückzüge nicht zu negativen beruflichen oder sozialen Konsequenzen führen, kann der virtuelle Ausgleich eine stärkende Ressource darstellen. Wird allerdings die Anziehung - gegenüber einem leer erscheinenden Alltag - zu groß, so kann dies zu massivem sozialen Rückzug, Vereinsamung, pers. Vernachlässigung bis hin zur Infragestellung der bislang gesellschaftlich geteilten Realität führen.